Nika

To Build a Fire – Gefühlswelt eines Sterbenden

Der Mann – der Protagonist – begreift die Dinge des Lebens rasch und aufmerksam, sein Handeln beschränkt sich auf logische Schlussfolgerungen zu ihm entgegenstehenden Hindernissen. Verhängnisvoll jedoch, ist sein fehlender Sinn für die tatsächliche Bedeutung dieser Dinge die er so problemlos zu verstehen vermag. Eine Zahl auf dem Thermometer bedeutet für ihn genau das, und nichts anderes. Mögen ihn Temperaturen jenseits der minus 50 Grad zwar beeindrucken, so mögen sie ihn nicht dazu verleiten seine Schwächen als von Hitze und Kälte beeinflusste Kreatur und seine eigene Vergänglichkeit wahrzunehmen.

Im Laufe seines letzten Tages wird der Mann mehr und mehr mit seiner Schwäche konfrontiert und sich selbst zunehmend über sein eigenes Fehlverhalten und seine ausweglose Situation bewusst. Es eröffnet sich ein tiefer Einblick in die emotional zerrüttete Psyche eines sonst als prosaisch und durchwegs zurechnungsfähig wahrgenommenen Geistes, der mit der Unausweichlichkeit des Kältetodes und der immer weiter greifenden Isolation seiner selbst von jeglicher Möglichkeit, sein eigenes Leben noch retten zu können, konfrontiert ist.

Die Angst vor Kälte – Kryophobie – ist nicht sehr verbreitet. Kälte ist vorhersehbar; auf einige Felder im Kalender beschränkt. Und man kann doch immer noch eine weitere Schicht darüber ziehen. Wenige Menschen haben Kälte tatsächlich erlebt, haben gesehen wie rücksichtslos sie Körper, Geist und Willen bricht. Die Kälte verherrlicht alle Schwächen, zeigt alle Mängel auf und vergibt keine Fehler. Die Geschichte schildert kein lineares Erfrieren, sondern vielmehr das immer schneller wachsende Fallen einzelner Dominosteine. Jeder Stein hebt des Mannes eisiges Grab tiefer aus – wo doch seine Absicht von Beginn an bereits aussichtslos erscheint.

Der Mann ist selbstbewusst und sicher in seinem unterfangen, sich im Klaren über die Gefahren und die durch seine Undurchdachtheit drohende Wirklichkeit, Teile seines Gesichts an die Kälte zu verlieren. Dennoch ist er der festen Überzeugung den Yukon zu bezwingen und verschwendet keine Gedanken an ein mögliches Ende. Selbst als die von ihm überwunden geglaubte Falle zuschnappt, und er schienbeintief in ein eisiges Rinnsal einbricht, sieht er die Gefahr nicht primär in der Möglichkeit des Todes, sondern darin sich um mindestens eine Stunde zu verspäten. Die Fähigkeit ein Feuer machen zu können entledigt seinen Geist von jeglicher Angst, doch der erste Dominostein fällt.

Sein einziger weg geht darüber die Nässe zu trocknen und seine gefrorenen Füße zu retten. Sachlich und zügig, nun jedoch in Gedanken um sein Überleben bemüht, nährt er ein weiteres Feuer. Er weiß, dass ein Mann sich keine Fehler leisten dürfe, wolle er ein Feuer machen. Im Trockenen könne man die Durchblutung ankurbeln indem man einen Kilometer laufe bevor man sich an einen neuen Versuch macht, doch nicht mit nassen Füßen. Er wusste, würde er versagen, hingen seine Füße und somit sein Leben an einem eisigen Faden, dessen Fasern nachzugeben drohen.

Erfolgstrunken wähnt er sich in der Sicherheit seines Feuers – der zweite Dominostein fällt. Der Erlöser wird zu seinem Niedergang, als sich der Baum, unter dem er es entfachte durch das Feuer seiner Schneelast entledigt. Das Feuer, an dessen Stelle nunmehr Schnee liegt verkündet ihm sein Todesurteil, so fühlt er.

Seine Gedanken kreisen während er sich an einen neuen Versuch macht, er empfindet es als bemerkenswert, wie schnell einem Finger, Wangen und Nase erfrieren, wie taub seine eisummantelten Füße waren. Je näher der Moment des erneuten entflammen rückt, desto mehr kämpfen im Geist des Mannes die Panik und die Vernunft um die Vorherrschaft. Bei den Versuchen die Streichhölzer zu entzünden kroch die Angst des unausweichlichen Todes näher und näher. Mit letzter Kraft und von der Kälte verkrüppeltem Körper gelingt eine neue kleine Flamme, für welche er jedes einzelne seiner 70 verbleibenden Streichhölzer opfert. Die Dominosteine fallen schneller. Seine gefühllose Hand zerstört den Kern des Feuers im Versuch es zu retten. Seine Energie schwindet beim kläglichen Versuch den Hund zu töten um als letzten Ausweg seine Hände in dessen Kadaver zu wärmen. Seine Angst verdrängt jeden Versuch klar zu denken als er blind vor Angst auf nur die Möglichkeit eines Auswegs hoffend durch die eisige Kälte rennt bis ihn jegliche Kraft verlässt.

Er spürt die Kälte, wie sie tiefer und tiefer in ihn eindringt und er sieht seinem Schicksal ins Auge. Der Schnee und die Kälte trennen den Mann vom Rest der Welt während der Tod, der weiße Tod durch mit Nadeln besetzter Kälte jedes bisschen Wärme aus seinem Körper saugt. Der Mann ist sich seines Todes bewusst. Er fühlt seinen Körper von wohliger Wärme durchflutet während einsetzende Schläfrigkeit seine Gedanken beflügelt und ihn in den wärmsten Schlaf seines Lebens wiegt. Der Mann ist Tot. Seinen eigenen Macken zum Opfer gefallen. Die Kälte vergibt keine Fehler.